Bosch Interview mit Peter Busch, Mr. Blockchain

Bosch Mobility

Blockchainwelt: Peter, herzlich Willkommen zum Interview und vielen Dank, dass du dir Zeit für uns genommen hast. Als Mr. Blockchain dürftest du ja ziemlich eingespannt sein, oder?

Peter: Hallo Stefanie, sehr gerne habe ich mir die Zeit genommen. Ich bin gespannt auf unser Gespräch und möchte nur anmerken, ich werde eigentlich Mr. DLT genannt. (Lacht)

Blockchainwelt: Ehrt dich die Bezeichnung?

Peter: Ja, schon. Ich sehe die Blockchain im Zusammenhang mit der Machine Economy in den Bereichen Energie, Mobilität und smarter Infrastruktur. Da geht es also nicht um das sonst so anrüchige Umfeld der Kryptowährungen, sondern um sehr innovative Technologie-Projekte. Deswegen ehrt mich dann diese Bezeichnung natürlich schon.

Blockchainwelt: Bleiben wir im Bereich Mobilität, was hat Bosch da gerade an aktuellen Projekten?

Peter: Klassisch sind wir ja im Bereich der Verbrenner-Technologien und aktuell natürlich immer mehr in der Elektromobilität unterwegs. Wir beschäftigen uns da vor allem mit der Thematik der hoch vernetzten Systeme und dem gesamten Bereich der Weiterentwicklung der Mobilität. Also wohin geht die Reise, welche Herausforderungen haben wir mit der hierfür benötigten Infrastruktur.

Peter Busch, auch als Mr. Blockchain bekannt, ist Wirtschaftsinformatiker und seit 15 Jahren bei Bosch für Connectivity Themen im Bereich Mobility zuständig. Seit 4 Jahren ist er außerdem der weltweite Product Owner für dezentrale Systeme, digitale Identitäten und digitales Bezahlen im Mobility-Bereich. Nach seinem Studium der Wirtschaftsinformatik an der Universität Mannheim hat er vor ca. 30 Jahren seine berufliche Laufbahn klassisch in der JPMorgan Bank in Frankfurt am Main begonnen. Dort betreute er Live-Feeds für Börsen und die entsprechenden Computersysteme. Peter ist 57 Jahre alt, wohnt in Ludwigsburg und stammt eigentlich aus Mannheim.

Peter Busch

Blockchainwelt: Wo liegen denn die aktuellen Probleme oder Herausforderungen aus deiner Sicht?

Peter: Wir arbeiten an energieeffizienten Antriebssystemen, deren Vernetzung und immer autonomer werdenden Systeme. Aber es fehlt noch an durchgängiger Infrastruktur, um beispielsweise an der Ladesäule mit nur einer Karte oder Anwendung bezahlen zu können. Wie können sich Teilnehmer eindeutig identifizieren und wem gehören bzw. wer steuert diese Systeme?

Blockchainwelt: Also geht es auch um Dezentralität?

Peter: Ja, auch das ist ein wichtiges Thema neben der Interoperabilität. Wir untersuchen gerade dezentrale Lösungen, die digitale Identitäten benötigen. Dann würde das System freie Ladesäulen melden und der Smart Contract, der im Vorfeld erstellt wurde, übernimmt die Abrechnung.

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Blockchainwelt: Geht es dabei auch um das Bidirektionale Laden? Also, dass das Fahrzeug der Ladesäule überschüssige Energie abgeben kann und diese ins Energienetz einspeist?

Peter: Auch das kommt zum Einsatz. Derzeit ist der Markt sehr fragmentiert. Wir sehen aber, dass wir skalierbare, standardisierbare, dezentrale Plattformen benötigen.

Blockchainwelt: Wie zeigt sich der fragmentierte Markt hierzulande?

Peter: Vor allem in verschiedenen Standards, Ladekarten und Ladesäulenbetreiber. Außerdem verschiedene Technologien im Fahrzeug, aber auch die Reichweite der Batterien ist genauso wie die Art der Batterie sehr unterschiedlich.

Blockchainwelt: Um den Markt zu standardisieren, braucht es aber mehr als ein Unternehmen, oder?

Peter: Ja, das ist absolut richtig. Dafür arbeiten wir gemeinsam mit vielen Industriepartnern an Standards. Auch mit Gaia-X-Gremien arbeiten wir zusammen, sodass wir hier hoffentlich in 3 bis 5 Jahren Standards für dezentrale SSI entwickelt haben.

Blockchainwelt: Das bedeutet aber auch, der Markt an sich ist einem dynamischen Wandel unterzogen?

Peter: Da wir in der Lieferkette direkt an den Autobauern hängen, spüren wir den Wandel natürlich auch sehr, können aber durch unsere starke Produktdiversifizierung jetzt schon den Wandel mitgestalten. So entwickeln wir uns bei Bosch zum Provider für Mobility und unterstützen die Autobauer bei der Entwicklung von zukünftigen, dezentralen Mobilitätsszenarien wie Car-Sharing, Smart City oder Smart Traffic.

Blockchainwelt: Du erwähnst auch den Energiebereich als gutes Beispiel für die Anwendung von Blockchain und anderen DLT. Kannst du uns dazu mehr Informationen geben?

Peter: Wir arbeiten in verschiedenen Projekten mit diversen Dienstleistern zusammen. Zwischenzeitlich waren einige davon aufgrund neuer Technologien und Regulierungen etwas eingeschlafen, aber da gehen wir gerade ganz aktiv dran, um diese wiederzubeleben.

Blockchainwelt: Bezüglich der Regulierungen, wie hat sich das auf eure Projekte ausgewirkt?

Peter: Eine strengere Regulierung steht immer dann an, wenn es um das Thema Dezentralität geht. Daher arbeiten auch beispielsweise mit Gaia-X und Catena-X an Standards, denn die bilden die Grundlage für die Umsetzung von Regulierungen.

Blockchainwelt: Welche Lösungen will denn Bosch in naher Zukunft entwickeln?

Bosch: Eine Vision könnte sein, dass wir das Problem der Ladeinfrastrukturen angehen. Da sehen wir eine große Herausforderung für die Zukunft, denn wir kämpfen im Vergleich zu anderen EU-Ländern mit einer starken Fragmentierung und der Regulierung. Als Musterland für den Automobilverkehr sollten wir in der Lage sein, dem Verbraucher eine Infrastruktur zu bieten, in der er ähnlich wie bei den Gelben Seiten sofort sehen kann, wo er sein Fahrzeug entsprechend seiner Anforderung optimal aufladen kann.

Ladesäulenausbau

Blockchainwelt: Würden denn nicht mehr Ladesäulen das Problem einfach lösen?

Peter: Nein, das sehe ich nicht so. Denn wir haben in Deutschland ein großes Problem mit der Abdeckung, und die würde sich auch nicht mit noch mehr Ladesäulen grundsätzlich lösen lassen. Am Ende hätten wir dann nur noch mehr Anbieter und Technologien. Und ich möchte zu bedenken geben, dass die Zahl der E-Autos auf unseren Straßen kontinuierlich zunimmt. Wenn wir jetzt mehr Ladesäulen aufstellen würden, wären morgen gleich wieder zu wenig da, weil mehr Autos elektrischen Strom zum Aufladen benötigen.

Blockchainwelt: Häufig hält Menschen die Reichweite vom Kauf eines E-Autos ab. Hast du selbst schon mal ein E-Auto gefahren?

Peter: Ich habe mal einen Selbstversuch auf dem Weg zu einer Messe in Barcelona gemacht. Das war im Vorfeld eine wirklich akribische Planung, denn die Angst, du bleibst auf der Autobahn liegen oder musst auf der Raststätte 5 Stunden warten, bis die Ladesäule frei ist und dein Auto aufgeladen, war schon groß. Es ist aus meiner Sicht also ein absolutes Abdeckungsproblem, was elektrische Fahrzeuge hierzulande haben.

Blockchainwelt: Wie siehst du die Akzeptanz von E-Autos?

Peter: Die ist grundsätzlich noch nicht so hoch, die Leute sind einfach noch zaghaft bei Autos mit Vollstrom. Das wird sich aber verbessern, wenn andere dezentrale Technologien da sind. Derzeit sind es aber eher Plug-in Hybridfahrzeuge, wo der Fahrer entscheiden kann, wann er laden will. Das ist ideal für Menschen, die gerne elektrisch fahren, und es ihnen auch Spaß macht. Aber bei Problemen greifen sie dann zuverlässig auf den Verbrenner zurück.

Mit Hilfe von Bosch werden branchen- und bereichsübergreifende Wertschöpfungsnetzwerke aufgebaut, die neue Geschäftsmodelle in einer Economy of Things ermöglichen.

Bosch Unternehmens-Webseite

Quelle: Bosch.com

Blockchainwelt: Auch für Bosch ändern sich einige Geschäftsbereiche, es geht zentral um die Economy of Things. Welche Ziele hat Bosch in diesem Zusammenhang definiert?

Peter: Wir bei Bosch haben drei Ziele für die Economy of Things definiert. Wir wollen damit die neue, digitalisierte Wirtschaft mitgestalten. Zunächst geht es um die Dezentralisierung, die digitale Ökonomien ohne Monopolbildungstendenzen ermöglichen und kooperatives Verhalten von Plattform-Anbietern fördern. Letztlich werden dadurch unsere Kunden in den Bosch-Geschäftsfeldern profitieren.

Im zweiten Handlungsfeld beschäftigen wir uns mit der Weiterentwicklung von smarten Produkten, die sich problemlos in die relevanten Technologien integrieren, und entwickeln entsprechende organisatorische Fähigkeiten. Darüber hinaus arbeiten wir an neuen, ergänzenden Services zur Erweiterung etablierter produktbasierter Geschäftsmodelle.

Im dritten Handlungsfeld geht es um Innovationen. Bosch wird zu neuen branchen- und bereichsübergreifenden Wertschöpfungsnetzwerken und Geschäftsmodellen beitragen und auch dadurch eine Economy of Things ermöglichen.

2021 kamen in Deutschland fast 356.000 Elektroautos neu auf die Straßen, das war ein Anteil von 13,6 Prozent an den Gesamtzulassungen und eine Steigerung im Vergleich zu 2020 um 83 Prozent. Dazu gesellen sich rund 325.000 neue Plug-in-Hybride mit Benzin- und Elektromotor, das sind 62,3 Prozent mehr als im Vorjahr

Boris Schmidt

Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

Blockchainwelt: Welche Rolle will Bosch in Sachen Blockchain in den nächsten 5, 10 und 20 Jahren einnehmen?

Peter: Das muss man differenziert betrachten. Smarte Produkte beispielsweise brauchen mehr Autonomie, denn der Mensch will Services konsumieren und nicht allen möglichen Standards hinterherrennen. Wir benötigen dafür einen offenen Zugang, und das bedeutet Interoperabilität. So kann jeder in der Smart City mit einer ID Zugang erhalten und direkt bezahlen. Es wird also eher ein Internet der Blockchains geben, in dem seamless Services zur Verfügung stehen, die alle miteinander interoperabel sind.

Blockchainwelt: Welche Bereiche siehst du noch konkret?

Peter: Gehen wir in den Bereich der Cybersecurity, denn ich will als Kunde nicht überall meine Daten hinterlassen und dadurch trackbar sein. Zentrale Datensilos sammeln fleißig die Daten mit. Wir sehen in der Zukunft die Blockchain auch im Einsatz bei dem Thema der Datenintegrität. Das bedeutet, dass jeder Teilnehmer geschützt ist, seine Zahlungen sicher ablaufen und die hoheitlichen Daten vom Teilnehmer selbst verwaltet sind.

Blockchainwelt: Aber lässt sich die Anonymität denn rechtlich vertreten?

Peter: Ja, das geht mit der richtigen Governance auf jeden Fall. Auf der anderen Seite darf man nicht zu transparent sein, damit man nicht überwacht werden könnte.

Blockchainwelt: Welches dritte Ziel gibt es noch für den Einsatz von Blockchains aus der Sicht von dir?

Peter: Innovationen sind noch ein großes Feld, wo wir bei Bosch sehr viel Potenzial sehen. Bosch hat hier aus meiner Sicht die Rolle des Innovationsgebers mit einem sehr breit aufgestellten Portfolio von Mobilität bis Industrie. Die Hauptinnovation wird es sein, die Auswirkungen der E-Mobilität in den Griff zu bekommen. Und auch das Thema autonomes Fahren wird definitiv kommen. Grundsätzlich wird alles smarter und autonomer werden, es muss nahtlos funktionieren und mit dezentralen Technologien werden wir hoch vernetzt Services konsumieren, uns ausweisen, authentifizieren und bezahlen können müssen.

Blockchainwelt: Denkst du dann, dass Bosch auf diese Herausforderungen vorbereitet ist?

Peter: Ja, absolut. Mehr noch! Bosch ist ein Marktführer mit wertvollem Know-how und Branchenerfahrungen. Das Thema Mobilität beherrschen wir von A bis Z und mit den neuen Technologien und digitalen Wertschöpfungsketten bekommen wir viel Dynamik in den Markt. Und auf diese Dynamik ist Bosch absolut vorbereitet und forscht intensiv an vielen Themen und Anwendungen.

Autor
Autorin

Stefanie Herrnberger ist als freiberufliche Referentin und Redakteurin tätig. Ihre langjährige berufliche Erfahrung im Bereich der Industrie 4.0, Digitalisierung und Blockchain bieten ihr den perfekten Background, um über Anwendungsfälle der Distributed-Ledger-Technologie in der globalen Industrie und Wirtschaft zu berichten.

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