Der Rechtsstreit um Envion geht vor das Berliner Kammergericht

Envion AG zahlt Liquidationserlöse an Investoren

Anm. der Redaktion: Dieser Beitrag basierte ursprünglich zum Großteil auf Pressemitteilungen der NAIMA GmbH. Nach mehrfacher Kontaktaufnahme betroffener Anleger ging der Artikel in Revision. Durch das Einbinden zusätzlicher Quellen hoffen wir, eine objektivere Berichterstattung zum aktuellen Prozess geschaffen zu haben.

Die Envion AG plante mobiles Mining mithilfe selbsterstellter Mining Rigs. Diese sollten direkt neben Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energie betrieben und auf die generierte, jedoch oftmals nicht vollständig genutzte Elektrizität der Anlagen zurückgreifen. Das Geschäftsmodell überzeugte Anleger, sodass mehr als 100 Millionen US-Dollar durch das Initial Coin Offerings an das Unternehmen flossen. Schlussendlich verhinderte ein Streit zwischen dem Geschäftsführer und den Gründern die Aufnahme des Geschäftsbetriebs.  Ein Gerichtsbeschlusses vom Dezember 2018 leitete Schlussendlich die Liquidation ein.

Rechtsstreit um das Envion-ICO geht vor Berliner Kammergericht

Ein Bericht des Handelsblatt vom 30. September 2019 verdeutlicht, dass der Rechtsstreit um die Envion AG nun vor dem Berliner Landesgericht verhandelt wird. Nach dem größten Initial Coin Offering (ICO) eines deutschen Krypto-Startups konnte das Unternehmen nie den Betrieb aufnehmen. Dementsprechend warten die Investoren bis heute auf die Rückzahlung der getätigten Einlagen. Insgesamt sind rund 37.000 Anleger, die rund 100 Millionen US-Dollar im Rahmen des ICOs investierten, vom Skandal betroffen. Das Gericht soll im Rahmen des Prozesses nicht nur die technischen Details klären, sondern auch die Rechte der Anleger definieren.

Zum damaligen Zeitpunkt galt Envion als eines der aussichtsreichsten Startup der Krypto-Szene. Michael Luckow, einer der Gründer, sowie der damalige CEO des Unternehmens, Matthias Woestmann, versprachen den Anlegern bis zu 161 Prozent Rendite pro Jahr. Dabei wollte das Unternehmen mobile Mining Rigs unterhalten und durch den Einsatz von Ökostrom besonders günstiges Mining betreiben. Hierfür sollten die Mining Rigs unmittelbar neben Anlagen zur Erzeugung erneuerbaren Energien platziert werden.

Aufgrund eines Streits zwischen Gründern und CEO nahm das Unternehmen nach dem Abschluss des ICOs nicht den geplanten Betrieb auf. Gegenstand des Streits war Woestmanns Vorwurf, dass Luckow mehr Coins als verabredet herstellte. Im Anschluss fand eine Kapitalerhöhung und eine Verwässerung aller Anteile statt, sodass das Unternehmen den Betrieb nicht aufnahm.

Schweizer Gericht erklärt ICO für illegal

Besonders schwerwiegend für die Investoren war der Umstand, dass Envion einen Schweizer Firmensitz hat und die eigentliche Arbeit an die Trado GmbH auslagern wollte. Folglich nahm sich das Kantonsgericht Zug im November dem Fall an und entschied, die Envion AG aufzulösen. Vor allem die Anleger erlitten einen großen Schaden, denn die Token haben je einen US-Dollar gekostet und notieren zwischenzeitlich bei rund zwölf Cent.

Dementsprechend müssen die Investoren den Klageweg beschreiten. Dabei werden mehr als 50 Investoren durch die den Rechtsanwalt István Cocron von der Berliner Kanzlei CLLB vertreten. Laut Cocron haben die Gründer in Ihrer Rolle als Prospektverantwortliche und faktische Geschäftsführer der Envion AG die Investoren getäuscht.

In der aktuellen Verhandlung soll das Gericht nun entscheiden, ob die klagenden Investoren ihre Einzahlungen zurückfordern können. Für andere Investoren hätte die Entscheidung eine Signalwirkung. Auch diese könnten ihr investiertes Kapital von den Verantwortlichen zurückfordern.

Klageanschrift forciert fehlerhaftes Whitepaper

Dabei erklärt Cocron, dass die Trado GmbH die Verantwortlichkeit für den fehlerhaften Anlageprospekt trägt. Zudem hatte das Unternehmen die faktische Geschäftsführung der Envion AG inne. Aus dem Prospekt gehe nicht hervor, welche leitende Rolle die Trado GmbH im Rahmen der Konzeption und Durchführung des ICOs einnimmt.

„Die Gründer haben nach unserer Auffassung die Investoren über die wahren Hintergründe des ICOs getäuscht.“ – István Cocron, Kanzlei CLLB

Außerdem habe das Luckows Unternehmen den Smart Contract manipuliert und somit rund 24 Millionen Tokens mehr produziert als im Whitepaper definiert. Dieses Vorgehen führte zur Verwässerung des gesamten Investments, so die Anlegerseite.

Auch ein Patent, welches angeblich auf die Envion AG lautete, wurde im Whitepaper hervorgehen. Allerdings existierte dieses Patent zu keinen Zeitpunkt, sodass die Gründer auch hier die Anleger hinters Licht geführt hatten. Die in Berlin verhandelte Klage richtet sich nun sowohl gegen die Envion AG als auch gegen die Trado GmbH. Allerdings sorgt das laufende Liquidationsverfahren für eine Unterbrechung des Prozesses, sodass vorerst ausschließlich der Fall gegen Trado zur Verhandlung steht.

Entscheidung zum Prozess zum Ende November avisiert

Am ersten Prozesstag übernahm die Kanzlei DWF die Vertretung des Trado-Vorstands Michael Luckow. Dabei hoben die Anwälte hervor, dass die Trado GmbH im Rahmen des ICOs ausschließlich Leistungen für Envion erbracht habe. Zudem sollte ausschließlich die Envion AG das Geschäftsmodell betreiben. Außerdem war Woestmann zum damaligen Zeitpunkt CEO des Unternehmens, sodass es keine Notwendigkeit zur Benennung von Trado im Prospekt gab.

Des Weiteren merken die Rechtsanwälte des Unternehmens an, dass die Anleger nicht ausschließlich auf Basis der fehlerhaften Angaben im Whitepaper investiert hätten. Vielmehr seien Faktoren wie das zukünftige Renditepotenzial und die grundlegende Risikobereitschaft entscheidend gewesen.

Eine besondere Relevanz nimmt für die Anleger die Frage um die Mitverantwortlichkeit der Trado GmbH ein. Sollte das Gericht befinden, dass nicht nur die Envion AG in der Verantwortung steht, hätten die Kläger bessere Chancen an das investierte Geld zu gelangen. Die Liquidation, die das Konkursamt Zug verwaltet, könne sich noch ein bis zwei Jahre hinziehen. Außerdem befindet sich ein Millionenbetrag der Investorengelder auf einem Konto der Trado GmbH.

In der vorläufigen Einlassung erklärten die Berliner Richter die Trado GmbH als Gründungsgesellschafter. Dementsprechend übernimmt das Berliner Unternehmen eine Mitverantwortung. Bis zum nächsten Termin im Oktober wollen die Anwälte der Kanzlei DWF darlegen, dass die Kontrolle über sämtliche Mittel des ICOs ausschließlich bei der Envion AG lagen. Durch diesen Schritt soll die Erfolgsaussicht der Klage sinken.

Das Liquidation Upgrade Program – nur ein weiterer Scam für Investoren?

Nichtsdestotrotz verdeutlichen weitere Pressemitteilungen, dass im kommenden Monat ein Onlineportal startet, welches die Betroffen nutzen können, um ihre Ansprüche beim Liquidator geltend zu machen. Im Zuge des Schuldenrufs müssen die Investoren belegen, dass Sie Envion Tokens im Rahmen des damaligen ICOs erwarben.

Die Registrierung beim Onlineportal soll zudem maßgeblich für den Verteilungsprozess sein – dieser wird im Laufe des kommenden Jahres erwartet. Eine öffentliche Stellungnahme zur Konkursmasse liegt bisher nicht vor. Allerdings ist davon auszugehen, dass der ausgezahlte Wert unter dem damaligen Kaufkurs liegt. Dabei verteilt sich die Auszahlung jedoch ausschließlich auf registrierte Anleger. Dementsprechend ist nicht sichergestellt, dass alle Investoren einen Anteil Ihres Investments erhalten.

Außerdem hat das Liquidation Upgrade Program (LUP) eine eigene Website online gestellt. Diese Website soll betroffene Tokenhalter im Liquidationsprozess unterstützen. Registrierte Nutzer können demnach einen Anteil von insgesamt 25 Millionen US-Dollar beanspruchen. Dieser soll aus Geldern der Gründer sowie Zahlungen aus Schadensersatzklagen bestehen. Entsprechende Klagen stehen bisher nicht öffentlich zur Verhandlung.

Des Weiteren verdeutlicht ein weiterer Artikel der EnvionWatch auf Medium.com, dass es sich bei LUP um einen weiteren Scam handeln könnte. Dabei heben die Autoren hervor, dass sich das gesamte Kapital von Envion auf einem gesperrten Konto befinde. Außerdem hat das Unternehmen ausstehende Forderungen in Millionenhöhe gegenüber den Gründern. Folglich ist die Herkunft des in Aussicht gestellten Geldes in Frage zu stellen.

Auch sollen die Geschädigten ihre Stimmrechte an das LUP abtreten. Die Vertretung der Stimmen übernimmt das LUP, welches von den Gründern ins Leben gerufen wurde. Dementsprechend sorgten die Gründer mit der Pressemitteilung für viel Aufsehen bei den Geschädigten.

Fazit: Rechtsstreit um Envion ICO könnte bald enden

Der Ausgang des Rechtsstreits um die Envion AG liegt nunmehr bei den Richtern des Berliner Landesgerichts. Ein endgültiges Urteil können die Betroffenen voraussichtlich gegen Ende November 2019 erwarten. Bis zu diesem Zeitpunkt gibt es keine Möglichkeit, um gegen die Trado GmbH als leitendes Organ des ICOs zu klagen.

Zudem haben die Gründer das LUP ins Leben gerufen. Dieses verspricht den Investoren eine zusätzliche Entschädigung in Höhe von 25 Millionen US-Dollar. Dabei ist die Mittelherkunft bisher ungeklärt, da sich das Geld des Unternehmens auf einem gesperrten Schweizer Bankkonto befindet. Auch das Geld aus dem avisierten Schadensersatzprozess ist zu hinterfragen, da es bisher keine öffentliche Meldung über einen entsprechenden Prozess gibt.

Aus meiner Sicht ist vor allem das Urteil des Berliner Kammergerichts für das weitere Vorgehen im Fall Envion maßgeblich. Insbesondere für die Investoren ist zu hoffen, dass die Richter an Ihrer ersten Einlassung festhalten und die Trado GmbH als Gründungsgesellschafter definieren. Auf diese Weise lassen sich Klagen bereits vor dem Ende des Liquidationsprozesses durchsetzen.

Dahingegen erweckt das LUP eher den Eindruck eines weiteren Scams. Durch das Unterzeichnen der Vollmacht verlieren die Investoren ihr Stimmrecht und haben somit keinen Einfluss auf den weiteren Verlauf des Liquidationsprozesses.

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